1961 machte die Sächsische Zeitung, das Presseorgan der SED in Dresden, zur Eröffnung der Selbstbedienungsgaststätte pick-nick mit dem New York-Vergleich auf und legte nach: „So etwas ist nur im Sozialismus möglich.“[1] Darüber mag man mit Kenntnis der weiteren wirtschaftlichen und politischen Geschichte heute vielleicht schmunzeln, aber tatsächlich wurde die Gaststätte seit der Eröffnung 1961 rege besucht. Angeblich wurden „über 1800 warme Speisen täglich verabreicht“.[2]

Filmstill, Amateurfilmaktiv VE Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie Betriebsfachschule, SMD

Das lag allerdings nicht unbedingt an der Qualität der angebotenen Speisen, sondern vielmehr am günstigen Preis und an der Lage: Das Lokal bot Waren der Preisklasse 1 an, das heißt: der niedrigsten Stufe, und es lag strategisch sehr günstig am Verkehrsknotenpunkt Fučikplatz (heute Straßburger Platz). Hier kreuzten sich verschiedene Straßenbahnlinien und der Große Garten war als Ausflugs- und Veranstaltungsort zum Beispiel der Vogelwiese, einem Volksfest, und mit der bald nach dem pick-nick errichteten Ausstellungshalle direkt benachbart.

Zudem befanden sich am Platz verschiedene Hochschulen, die teilweise über keine eigene Mensa verfügten, sondern Wertmarken für das pick-nick an die Studierenden verteilten, sowie nach und nach mehrere Wohnhochhäuser. Abnehmer für die Speisen gab es also reichlich, wenn die Wahl bei hungrigem Magen mangels Alternativen auch nicht immer ganz freiwillig auf das pick-nick fiel.


[1] G.T.: Da muß sich doch New York verstecken! In: Sächsische Zeitung, 22.8.1961.

[2] Beschriftung aus den 1960er Jahren auf einem Foto im Bestand des Stadtmuseums (SMD/Ph/1999/02338). Die Beschriftungen wurden in der Regel von Presseagenturen angefertigt, die als offizielles Sprach- und damit Propagandaorgan der SED angesehen werden müssen.

Zwei der insgesamt fünf Wohnhochhäuser an der Grunaer Straße 1970. Weitere Wohnhochhäuser befanden sich später auf der gegenüberliegenden Seite, Stadtarchiv Dresden, 6.4.40 Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. I6873/4, Fotograf unbekannt

Vom Rasthäusel zum pick-nick: Der Bau der Gaststätte

Die strategisch günstige Lage war 1958 der Ausgangspunkt für den Bauwunsch des Betriebs HO Gaststätten[1]. Es sollte ein „Gastronom“, also eine Gaststätte, am Fučikplatz errichtet werden. Dort befand sich bereits ein Imbisspavillon namens Rasthäusel. Er war nach dem Krieg privat errichtet und später von der HO übernommen worden. Die dortigen sanitären und arbeitsschutztechnischen Einrichtungen wurden aber bemängelt.

Nun sollte ein Leichtbau entworfen werden, der später im Ausstellungsgelände wiederverwendet werden konnte und der vorhandene Pavillon als Wirtschaftsgebäude miteinbezogen werden. Der Architekt Erich Starke legte einen Entwurf vor, der sich aber aus unklaren Gründen nicht nach diesen Vorgaben richtete. Er wurde daher aus städtebaulichen, funktionellen und gestalterischen Gründen abgelehnt, ebenso seine Überarbeitungen.

Das Projekt übernahmen die drei jungen Architekten Günter Gruner (* 1931), Gerhard Landgraf (*1931) und Herbert Löschau (1932 – 2005) vom VEB Hochbauprojektierung Dresden als nebenberufliche Extraarbeit, um sich zu profilieren. Hinzu kamen Heinz Zimmermann und Martin Gersdorf für die Innenarchitektur. Das Kollektiv entwarf in den kommenden Monaten die Architektur, Möbel und sogar die Werbeträger.


Ansichten, Dezember 1959, Stadtarchiv Dresden, Bau- und Grundstücksakten 10, Nr. 18459

1960 bis 1961 entstand ein einstöckiger Pavillonbau mit Schmetterlingsdach und großen Fensterflächen, der im Innenraum sein modernes Gepräge durch eine schräge Decke, backsteinerne Mauerwände, einen 27 Meter langen Tresenbereich sowie zahlreiche Leuchtstoffröhren erhielt. Die Tresendecke wirkte durch Farbstreifen und die Schrägstellung zelt- oder baldachinartig, die von Zimmermann entworfenen Stahlrohrstühle wurden mit Kunstleder in Rot, Blau und Gelb bezogen und die Stirnwände wiesen einen blauen Anstrich auf. Außen präsentierte sich das pick-nick pistazienfarben.

Tresenbereich, 1961, Foto: VEB Hochbauprojektierung Dresden, Archiv der Stiftung Sächsischer Architekten
Hinterer Gastraum mit Sitzbereich, im Hintergrund der vordere Gastraum mit Stehtischen und Sitznischen zwischen Mauerscheiben in Backstein, 1961, Foto: VEB Hochbauprojektierung Dresden, Archiv der Stiftung Sächsischer Architekten
Eröffnung des pick-nick, 14.7.1961, Foto: Erich Höhne, Erich Pohl, SLUB/Deutsche Fotothek

Ergänzt wurde das pick-nick bald durch weitere Pavillonbauten: einen kleinen Souvenierladen sowie ein Sportartikelgeschäft.

[1] Die Handelsorganisation, kurz HO, war in der DDR ein staatlich geführtes Einzelhandelsunternehmen. Die HO Gaststätten waren ein Zweig des Unternehmens.

Von Tieren auf und unter den Tellern: Die Nutzung des pick-nick bis 1990

Am 14. Juli 1961 wurde das pick-nick mit 120 Sitz- und 100 Stehplätzen eröffnet. Der lange Verkaufstresen bot Einzelbuffets für kalte und warme Speisen, Getränke, Back- und Handelswaren sowie einen Tabakverkauf. Der Renner waren Bockwürstchen und „Prager Brötchen“, belegte Brötchen.

Verkaufsbereich für Tabak und Süßwaren, 1961, Foto: VEB Hochbauprojektierung Dresden, Archiv der Stiftung Sächsischer Architekten

Als damals „fortschrittlichste Form der Selbstbedienung“ wurde am Eingang ein Ticket ausgegeben, an den Ausgaben gelocht und am Ende an einer zentralen Kasse bezahlt.

Lochkarte, Archiv Manfred Wille

Dieses „Schwedische Ticketsystem“ war auf Wunsch des Direktors der HO Gaststätten, Josef Kühberger, eingeführt worden, der über dieses Ticketsystem seine Doktorarbeit schrieb[1] und es in Dresden bereits am Gastronom am Postplatz eingeführt hatte. Das Ticketsystem wurde jedoch 1969 wieder abgeschafft und der vordere Verzehrbereich erhielt durch einen großen Raumteiler eine Unterteilung, die Stehtische wurden in den hinteren Raum verlegt.

Gastraum mit Raumteiler, um 1992, Foto: Lothar Lange, Stadtarchiv Dresden, 17.6.2.1 Lothar Lange, Nr. 012b.74, 1990/94

Viele Jahre, vermutlich sogar Jahrzehnte begleitete das pick-nick ein Hygieneproblem. Daher erscheinen die 1960 formulierten Vorschusslorbeeren umso ironischer: „Moderne Materialkombinationen garantieren einen hygienischen Eindruck des Restaurants“ und 1962: „Als Schmuckstück am Fučikplatz wird sich „pick-nick“ besonders mit Eintritt der Dunkelheit präsentieren, sobald die gläserne Vorderfront den Blick ins neonüberflutete Innere zieht. Da läßt wahrscheinlich so mancher die Straßenbahn dahinfahren, um bei einem Kaffee komplett auf den bunten abwaschbaren Stühlen die gepflegte Atmosphäre zu genießen.“[2]

So mancher Gast erinnert sich dagegen noch heute daran, wie er vorsichtshalber unter die Teller und in die Schalen schaute, um nicht durch lebende Zutaten überrascht zu werden. Andere machten sich daraus einen Spaß und veranstalteten Schabenrennen. Durch die zweimal im Jahr durchgeführten Schließungen zur Begasung war dem Problem nicht beizukommen, wie ein ehemaliger Küchenleiter einräumte: Das Objekt war einfach nicht gut genug abzudichten, so dass zu viele Verstecke in Ritzen bestanden. Die Mitarbeiter fegten nach den Begasungen regelmäßig „hunderte Schaben“ zusammen. Häufigere Schließungen wurden nicht zugestanden, denn – Sozialismus hin und her – es sollten keine Einnahmeneinbußen durch weitere Schließtage entstehen. Und so lockte das Niedrigpreissegment zunehmend Publikum aus prekären Verhältnissen an und auch das von Zeitzeugen oft berichtete zweifelhafte Verhalten von Teilen des abräumenden Personals tat sein Übriges dazu. Das Ansehen des pick-nick sank immer weiter.


[1] Josef Kühberger: Die Ausarbeitung einer zweckmäßigen Technologie für Speisegaststätten mit Selbstbedienung, die nach dem Ticketsystem arbeiten, Dissertation an der Universität Leipzig 1965.

[2] Ein Schmuckkästchen am Fucikplatz. In: Die Union, 16.7.1961.

Die politische Wende und ihre Folgen für das pick-nick

Nach dem politischen Umbruch hatte die Gaststätte unter den veränderten Verhältnissen kaum eine Chance, sie wurde sehr bald geschlossen.

Blick von oben auf den Fučikplatz mit breiter Straße und Straßenbahn. Im Hintergrund Hochhäuser und davor die drei Pavillonbauten.
Fučikplatz mit den drei Pavillonbauten vor den Hochhäusern, 1992, Stadtarchiv Dresden, 6.4.40 Stadtplanungsamt Bildstelle, Nr. I14636/10, Fotograf unbekannt

Ab 1994 versuchte ein Küchenstudio noch einmal sein Glück an diesem Standort. Der Zustand des Gebäudes war nach Aussage der damaligen Mieter nahezu ruinös. Das Innere wurde durch Leichtbauwände im ehemaligen großen Gastraum völlig verändert, in Kojen wurden italienische Küchen offeriert. Im hinteren, kleineren Gastraum führte das Bistro International die gastronomische Tradition des Ortes noch einige Zeit mit kleinen Speisen fort, etwas später wurde es Eventlocation. Doch der Standort entwickelte sich auch nach Fertigstellung der gegenüber gelegenen VW-Manufaktur 2002 nicht wie erhofft und die Preisvorstellungen der Treuhand waren dem Mieter zu hoch: 99.000 € sollte die Immobilie kosten.[1]

2004 endete daher diese letzte küchengeprägte Episode, von der heute noch Billardtischbeleuchtungen und Palmenmalereien sowie türkisfarbenes Tresenmobiliar Zeugnis ablegen. Die letzten Nutzungen waren nur noch von sehr kurzer Dauer. Unter dem Motto „Farbtontage“ fand 2004 die erste Gruppenausstellung von Dresdner Street Artists in den Kellerräumen sowie im kleinen Hof zwischen pick-nick und einer benachbarten Sportbar statt. Es entstanden Wandmalereien und Collagen, wofür die Räume ohne jede Einschränkung genutzt werden konnten, wie sich ein damaliger Teilnehmer erinnert. 2006 wurde das Thema Streetart unter dem Titel „Urbanscript“ noch einmal weitergeführt. In diesem Jahr fanden unter dem Motto „City Mapping. Identities“ noch fünf weitere Ausstellungen und verschiedene Veranstaltungen zum Thema Stadtidentität statt. Sie waren zum 800. Stadtjubiläum als Bürgerwerkstatt Teil der „ZukunftswerkStadt“.


[1] „Dreckscher Löffel“ für 99 000 EURO. In:  DNN, 24.11.2004.

Farbtontage-Graffiti von Red Ink, 2005, Foto: Jens Besser
Für die Ausstellung wurde der Boden des Raums mit Sand bestreut, in den Buchstaben gekehrt wurden. Vor den Fenstern und an den Wänden Kunstwerke.
City. Mapping. Identities, 2006, Ausstellung Titanic Syndrom, Foto: Eileen Petrasch

Die theoretische und reale Zukunft des pick-nick

Seit 2006 steht das Gebäude nun leer: mittlerweile 15 Jahre. Letzte originale Ausstattungstücke haben längst Beine bekommen, im Keller bilden sich inzwischen wegen eines Lecks Wasserlachen. Optisch verkommt das Gebäude immer mehr und versprüht heute nur noch wenig vom modernen Neon-Leuchten-Look der Anfangsjahre.

Zustand des ehemaligen pick-nick 2021, Foto: Claudia Quiring

Die Initiative ostmodern.org regte daher an, das Gebäude zur Sicherung unter Denkmalschutz zu stellen. 2013 prüfte das Landesamt für Denkmalpflege die Unterschutzstellung, doch das Ergebnis fiel negativ aus.

Im Wintersemester 2020/21 nahm ein Seminar an der TU Dresden, Fach Gestaltungslehre,  den pick-nick-Bau noch einmal zum Ausgangspunkt für die Frage, ob und wie historische Strukturen weiterentwickelt werden können. Es sollte ein Ort für die Ostmoderne entworfen werden, mit Räumen für Ausstellungen, Begegnungen und Forschung. Es entstanden fünf Entwürfe, die alle den weitgehenden Erhalt des Originalgebäudes vorsahen.

Präsentation der Entwürfe an der TU Dresden, Foto: Marco Dziallas
Visualisierung von Julian Brendler für ein Museum der Ostmoderne unter Einbeziehung des pick-nick-Gebäudes, TU Dresden

Diese Entwürfe waren jedoch rein theoretisch. Nach der Ablehnung eines Denkmalschutzes wurde ein Abriss des Gebäudes möglich und das Objekt aufgrund seiner Zentrumsnähe, des nahe gelegenen Großen Gartens und der guten infrastrukturellen Anbindung für Immobilienentwickler sehr attraktiv. 2019 erwarb die Immobilienfirma Immvest Wolf das Objekt, um dort eine mehrgeschossige Wohnbebauung mit Gewerbenutzung zu errichten. Aus einem Werkstattverfahren ging der Entwurf von Leinert Lorenz Architekten Dresden als Sieger hervor, der aktuell weiter ausgearbeitet wird.

Entwurf des Architekturbüros Leinert Lorenz Architekten für das Baugrundstück Grunaer Straße 28, 2020, Immvest Wolf GmbH

Der Bauantrag wurde inzwischen eingereicht, so dass mit baldigem Abriss zu rechnen ist.

Letzter Akt

Bevor der Abbruch beginnt, bespielt das Stadtmuseum Dresden den Ort noch einmal mit einer Pop-Up-Ausstellung. Hierfür wurde das Gebäude zur Verfügung gestellt und verschiedene Einbauten entfernt, so dass überraschenderweise ein großer Teil des ursprünglichen Tresenbereichs wieder zum Vorschein kam. Zusammen mit einigen letzten originalen Ausstattungsstücken wurde er in die Präsentation miteinbezogen, da das Konzept möglichst das Re- und Upcycling von Materialien vor Ort vorsah, ergänzt durch bestehendes Ausstellungsmobiliar des Museums.

Ausstellungsansicht, Foto: P.W.L. Günther / Museen der Stadt Dresden

Gezeigt werden Exponate zur Geschichte des Baus inklusive eines Interviews mit einem der ursprünglichen Architekten, Günter Gruner, die Entwürfe der Studierenden der TU Dresden sowie die Pläne des Werkstattverfahrens. Die Leuchtreklame des pick-nicks und der Metallschriftzug Gastronom, die das Stadtmuseum 2013 sichern konnte, konnten noch einmal aus dem Depot an ihren ursprünglichen Verwendungsort zurückkehren – diesmal aber definitiv zum letzten Mal.