Es kommt nicht alle Tage vor, dass das Telefon im Carl-Maria-von-Weber-Museum Dresden klingelt und eine freundliche Dame berichtet, sie hätte Briefe und Dokumente von Carl Maria von Weber und anderen Persönlichkeiten in ihrem Besitz, Tieck wäre auch dabei, Spohr und Max Reger – so geschehen im Herbst 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Natürlich überwog zuerst die Skepsis, und es traten viele Fragen auf, die nicht sofort beantwortet werden konnten: Handelt es sich wirklich um Dokumente zu dem bekannten Komponisten und von den anderen Persönlichkeiten? Sind es noch unbekannte Dokumente und stellen Sie eine neue Quelle für die Forschung dar? Und letztendlich: Was soll mit diesen Dokumenten geschehen?

Nach einigen Überlegungen und Rücksprachen mit Kollegen und Kolleginnen unseres Museumsverbundes entschlossen sich das Stadtmuseum und das Webermuseum, diese Dokumente zunächst als Leihnahmen einzusehen, um eine Einordnung der Quellen vornehmen zu können.

Wie aufregend war es, als die Dokumente in Dresden ankamen: Sie wurden behutsam begutachtet, fotografiert und systematisch geordnet. Dabei stellte sich heraus, dass es tatsächlich Originale der genannten Persönlichkeiten waren. Und: Der Umfang der Briefe und Dokumente war viel größer, als ursprünglich angenommen! Zu Carl Maria von Weber gab es zehn Empfehlungsschreiben von Zeitgenossen und einen eigenen Brief. Von Louis Spohr waren dreißig Briefe enthalten. Ludwig Tieck und Max Reger waren mit jeweils einem Brief vertreten, und von Bernhard Hausmann gab es ebenfalls ein Dokument. Der Letztgenannte war uns völlig unbekannt, doch er war die Verbindung zwischen all den Briefen und Dokumenten. Doch der Reihe nach …

Bei der anschließenden Transkription der Briefe stellte sich schnell heraus, dass die Weber-Dokumente bereits bekannt und in der Online-Weber-Gesamtausgabe veröffentlicht worden waren. Nach Rücksprache mit der Eigentümerin bestätigte Sie, dass diese Briefe schon vor Jahrzehnten von Musikwissenschaftlern eingesehen worden waren. Der Inhalt war also im Einzelnen bekannt, doch der Zusammenhang des Konvoluts und der spannende Hintergrund traten durch die Gesamtheit aller Dokumente nun deutlicher zutage.

Es handelt sich um Briefe aus dem privaten Nachlass von Nachfahren von Bernhard Hausmann (1784-1873). Der Fabrikant prägte als engagierter Bürger Anfang des 19. Jahrhunderts maßgeblich die Entwicklung der Stadt Hannover und hat eine äußerst spannende Biografie. Erst 19-jährig übernahm er nach dem Tod seines Vaters das Seiden- und Tuchhandelsgeschäft, das er weiter ausbaute und dadurch zu einem der reichsten Bürger der Stadt avancierte. Musikalisch talentiert, spielte Hausmann nahezu perfekt Geige und wurde zum Sammler außergewöhnlicher Geigen – er besaß u. a. zwei Stradivaris. Er engagierte sich im städtischen Konzertwesen, wirkte selbst bei Konzerten mit und korrespondierte mit zahlreichen Künstlern seiner Zeit. Dazu gehörten auch Carl Maria von Weber (1786-1826) und Louis Spohr (1784-1859). Hausmann war zudem als Kunstsammler bekannt. Seine Sammlung von Zeichnungen und Aquarellen der Romantik gehört bis heute zu einem wichtigen Bestandteil des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig und war zu seinen Lebzeiten ein Anziehungspunkt in Hannover. Hausmann besuchte mehrfach Dresden, wo seine Aufmerksamkeit der Gemäldegalerie galt. Natürlich traf er sich bei diesen Gelegenheiten mit Ludwig Tieck, den er bereits in seiner Jugend auf einer Italienreise in Rom kennengelernt hatte. Höchstwahrscheinlich lernte Hausmann in Dresden auch andere Persönlichkeiten der Stadt kennen und kaufte vielleicht Gemälde der hier ansässigen Maler. Mit seiner Sammelleidenschaft war Hausmann 1832 bei der Gründung des Hannoverschen Kunstvereins maßgeblich beteiligt. Er engagierte sich zudem in der Politik, wirkte ab 1840 in der Eisenbahnkommission des Landtages und der Regierung mit und trug dort wesentlich zur Entwicklung des Eisenbahnwesens bei. Was hatte es nun aber mit den Empfehlungsschreiben für Carl Maria von Weber auf sich, und wie kamen diese in den Besitz von Hausmann?

Sondervitrine im Stadtmuseum Dresden mit einer Auswahl an Briefen, daneben ein Portrait von Bernhard Hausmann

Empfehlungsschreiben für Carl Maria von Weber

Derartige Referenzschreiben waren im 18. und 19. Jahrhundert üblich und stellten die Eintrittskarte in die jeweiligen gesellschaftlichen Kreise einer Stadt dar. Man sandte meist im Vorfeld diese Briefe an wichtige Persönlichkeiten der Stadt, wurde daraufhin eingeladen und in der jeweiligen Gesellschaft vorgesellt. So konnte man überall relativ schnell Anschluss finden und Beziehungen knüpfen. Vor allem Künstler profitierten von den schriftlichen Empfehlungen und konnten mit ihrer Hilfe Konzerte in Privatkreisen organisieren – in gewisser Weise stellen solche Schriftstücke das „Vitamin B“ des 19. Jahrhunderts dar.

Weber kam am 19. August 1820 in Hannover an und war enttäuscht, dass er niemanden antraf. Deprimiert schrieb er am 25. August 1820 an Friedrich Kind, den Dichter des „Freischütz“: „In Hanover d. 19. August gings durchaus recht fatal. Wir beide krank [Weber und seine Frau Caroline].Ramberg krank, v. Knipphausen nicht da. Herzog von Cambridge nicht da. Dr. Blumenhagen nicht getroffen etc. etc. kein Theater, keine Künstler, desto mehr Regen.“ Die zehn Empfehlungsschreiben, die er bei sich trug, waren also völlig nutzlos, da die Personen, die er erhofft hatte zu treffen, nicht in der Stadt oder ebenfalls krank waren.

Das spannendste Schreiben ist eine Empfehlung des Berliner Theaterintendanten Carl Graf von Brühl (1772-1837), das an Adolph Friedrich von Cambridge (1774-1850), der seit 1816 Generalstatthalter des Königreichs Hannover war, gerichtet war. Brühl nimmt Bezug auf seinen London-Aufenthalt 1814, wo er Adolph Friedrich von Cambridge getroffen hatte. Brühl schreibt: „Er [Weber] wird auf seiner Kunstreise Hannover berühren und wünscht das Glück zu haben, von Ew. Königlichen Hoheit gehört zu werden. Als Künstler und als Mensch ist er in jeder Hinsicht dieser Gnade würdig, denn nicht nur als Komponist kann er mit Recht unter die bedeutendsten von Deutschland gezählt werden, sondern auch als ausgezeichneter Klavierspieler und litterarisch gebildeter Mann verdient er die größte Auszeichnung. Möchten doch Ew. Königliche Hoheit Sich Seinen Wünschen und Hoffnungen gnädig erweisen!

Empfehlungsschreiben des Theaterintendanten Carl Graf von Brühl an Adolph Friedrich von Cambridge

Weber hatte für seine Konzertreise nach Kopenhagen gezielt nach diesen Empfehlungsschrieben bei Brühl angefragt. Am 21. Juli 1820, kurz vor seiner Abreise, schrieb er an ihn: „Mit Dank erwarte ich die gütigst versprochenen Briefe zu meiner Reise.“ Höchstwahrscheinlich waren also weitere Empfehlungsschreiben von Brühl an weitere Adressaten dabei, die jedoch nicht mehr erhalten sind.

Die neun anderen Empfehlungsschreiben für Weber wurden alle im Juli und August 1820, kurz vor seiner Abreise oder bereits während der Reise, verfasst. Vom 11. Juli 1820 stammt das älteste Referenzschreiben der Sammlung von dem Prager Bankhaus Ballabene & Company, welches gezielt an vier Adressaten, hauptsächlich Bankhäuser, in Hannover gerichtet ist.

Bei seiner ersten Station in Leipzig sammelte Weber drei weitere Empfehlungsschreiben ein: am 25. Juli 1820 von dem Bankier Christian Wilhelm Reichenbach (1778-1857), am 26. Juli 1820 von dem Leipziger Kaufmann Carl Friedrich Weiße (1781-1836) und am 28. Juli von Franz Hasse an den ehemaligen Konzertmeister des Gewandhauses Bartolomeo Campagnoli (1751-1827). Campagnoli, der eine Zeitlang in Dresden in der Kapelle des Herzogs von Kurland gespielt hatte, lebte ab 1819 in Hannover, da seine Töchter dort als Sängerinnen engagiert waren.

Am 31. August 1820 kamen noch zwei Empfehlungsschreiben von dem Bibliothekar Johann Samuel Ersch in Halle dazu, und in Braunschweig wurden ebenfalls noch zwei solcher Referenzen aufgesetzt. Carl Maria von Weber sammelte also auf seiner Konzertreise gezielt derartige Empfehlungsschreiben ein, um sie später einsetzen zu können.

Da er in Hannover niemanden antraf und die Schreiben nicht mit auf die weite Reise nach Kopenhagen nehmen wollte, hinterließ er sie kurzerhand bei Bernhard Hausmann, den er zuvor in Braunschweig kennengelernt hatte: „Ich nehme mir nun noch die Freyheit Sie um Aufbewahrung beiliegender Briefe zu bitten, die ich nicht gerne so weit spazieren fahren möchte.“ Weber wollte die Briefe auf seiner Rückreise wieder abholen, wozu es allerdings nicht mehr kam. So verblieben sie im Besitz von Hausmann – eine außergewöhnliche Zusammenstellung von Empfehlungsschreiben und ein interessantes Zeitzeugnis von Weber.

Brief von Ludwig Tieck, Dresden 28.9.1827

Des Weiteren befinden sich im Konvolut ein Brief von Ludwig Tieck (1773-1853), den Hausmann mehrfach in Dresden besuchte, 30 Briefe des Komponisten Louis Spohr (1784-1859) und ein Brief von Max Reger (1873-1916). Bernhard Hausmann verband eine lebenslange Freundschaft mit dem Komponisten und Geiger Louis Spohr. Spohr lebte 1821 kurzzeitig auch in Dresden, um hier die Ausbildung seiner Töchter zu Sängerinnen voranzutreiben. Die 30 Briefe von Louis Spohr, die bisher wohl noch weitgehend unbekannt sind, ermöglichen einen eindrucksvollen Einblick in das Leben des Komponisten, der ebenfalls mit Carl Maria von Weber befreundet war. Spohr äußert sich über Zeitgenossen wie Nicolo Paganini oder die Sängerin Henriette Sonntag; auch private Belange werden angesprochen.

Nun stellte sich die Frage, wie weiter mit den Dokumenten verfahren werden sollte. Monika Staks  (geb. Rath) entschloss sich, die Dokumente dem Stadtmuseum für das Carl-Mari-von-Weber-Museum zu schenken. Sie wurde mit ihrem Mann, dem ehemaligen deutschen Botschafter in China, nach Dresden eingeladen, um die Briefe am 3. September 2021 offiziell dem Museum zu übergeben.

Wir danken Monika Staks sehr herzlich für diese bedeutende Schenkung. Insgesamt bilden die Dokumente und Briefe durch die zahlreichen Querverweise und Beurteilungen von Zeitgenossen eine interessante Quelle. Das Stadtmuseum zeigt Teile der Schenkung derzeit in einer Sondervitrine im Museumscafé und hat sie zudem in ihrer Online-Sammlungsdatenbank veröffentlicht.

Monika Staks und Dr. Romy Donath an der Sondervitrine im Stadtmuseum Dresden