Die Ausstellung Platte OST / WEST. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise nimmt langsam Gestalt an, die ersten Exponate sind schon eingezogen in die Ausstellungsräume und wir blicken gespannt auf die Eröffnung Ende Februar! Aber vorher schauen wir nochmal zurück auf unsere Recherche-Reisen durch ganz Deutschland, bei denen wir den flachen Abbildungen in Publikationen die 3D-Wahrnehmung vor Ort gegenüberstellten. Hier ein kleiner Bericht.

Dresden
Wir können den Bericht vor der Haustür beginnen, denn Dresden bietet – welch Überraschung! – nicht nur Barockes, sondern zahlenmäßig weit umfangreicher auch Plattenbau-Siedlungen. Für einen Überblick geht’s auf die Räcknitzhöhe zu einem kleinen Bau-Zuordnungsquiz. Und um die Ecke in Plauen/Zschertnitz trifft man noch auf unsanierte Hochhäuser des Typs WHH 17 (=Wohnhochhaus mit 17 Geschossen). Der Ausblick muss dort wunderbar sein, der Zustand der Häuser ist es leider nicht. Die einst sicher recht attraktive Gesamtanlage ist im März 2025 nur noch zu erahnen anhand von Geländemodellierungen und einer Freiplastik von Egon Ponnsdorf. Inzwischen wird auch hier saniert – wir sind gespannt auf das Ergebnis. Gleich um die Ecke stößt man auf Einfamilienhäuser aus Großtafeln. Ja, tatsächlich: Es gab auch solch kleine Plattenbauten und in Dresden finden sich auch noch weitere Beispiele in Laubegast und Meußlitz. Manchmal konnten so Restplatten für Großprojekte umgenutzt werden. Einfach mal die Augen offen halten, wenn man Überland fährt!



Gera
Aber werden wir wieder etwas größer: Gera-Lusan war eines der großen Neubaugebiete in Thüringen. 1985 lebten 45.000 Menschen in diesem Areal. Seine Entstehung weist viele Komponenten auf, die uns in der Lektüre immer wieder begegnen: Lange Vorplanung (ab 1965), dann schneller Bau von Wohnungen (Baubeginn 1972, vier Jahre später leben hier bereits 10.000 Menschen), aber erst verspätet hinzukommende Einrichtungen, die über die rein funktionale Befriedigung (Einkaufen, Schulen, Ärzte) hinausgehen und für urbanes Leben essentiell sind. Soweit die historische Entwicklung. Heute zeigen sich durch Rückbau große Lücken im Altbestand, ein verlassenes und durch Vandalismus gezeichnetes ehemaliges Zentrum findet sich sowie Überbleibsel der Kunst im öffentlichen Raum – aber auch bunt sanierte und für neue Bedürfnisse (Fahrstühle!) ertüchtigte Wohnblocks. Uns faszinieren mehr die teils noch ursprünglich erhaltenen WBS 70-Bauten, die hier in großen Bögen verlaufen. Denn zur Entstehungszeit war solch eine städtebauliche Anlage eine große Herausforderung, brauchte es dafür doch extra „Gelenkelemente“ zwischen den Bauteilen. Und solche Extras mussten hart erkämpft werden, denn sie ließen die reguläre Produktion stocken und reduzierten dadurch insgesamt die Produktionsmenge. Aber es hat sich gelohnt! Und in der Innenstadt gibt es dann noch Beispiele von innenstadtangepasster Platte zu besichtigen.
Rostock
Die Recherche führt uns weiter nach Norden, z. B. nach Rostock. Hier sind gleich fünf große Neubaugebiete zu betrachten: Schmarl, Groß Klein, Evershagen, Lütten Klein und Lichtenhagen. Die beiden Letztgenannten sind – jedes auf seine Weise – recht bekannt geworden: Lütten Klein durch ein Buch mit gleichnamigem Titel von Stefan Mau, in dem er die Lebenswelt in der DDR und die Transformationserfahrungen aus soziologischer Sicht erläutert. Lütten-Klein, der Kindheitsort des Autors, bietet hierfür die Blaupause. Lichtenhagen wiederum ging in den frühen 1990er Jahren aufgrund ausländerfeindlicher Ausschreitungen am sogenannten Sonnenblumenhaus durch die Medien. Erst jüngst lebte das Thema durch eine umstrittene Choreo des Fanclubs Plattenbau Rostock wieder auf (dazu dann mehr in der Ausstellung!).



Beim Gang durch die verschiedenen Stadtteile fällt auf, dass jedes Gebiet eine etwas andere Struktur und Gestaltung aufweist. Dies hängt teils mit der unterschiedlichen Entstehungszeit und entsprechend gewandelten städtebaulichen Leitideen zusammen. Zum anderen bemühte man sich offensichtlich um eine jeweils eigene Formensprache. Das Rostocker Wohnungsbaukombinat ist genau hierfür bekannt: kreativer als in anderen Bezirken gewesen zu sein. Manchen mögen die Erzeugnisse zu dekorativ geraten sein, aber die Abwechslung tut auf jeden Fall gut und hilft auch (etwas) bei der Orientierung. Denn durch die mäandernden Baustrukturen ist das nicht immer ganz einfach – was auch schon damals, zur Bauzeit, diskutiert wurde. Eine geradlinigere Blockausrichtung ist zwar einfacher zu erfassen, aber auch ziemlich monoton. Da helfen auch Sonderbauten wie die von Ulrich Müther in Lütten Klein wenig.
Evershagen, ab 1971 mit ca. 8000 Wohnungen für 28.000 Menschen entstanden, bietet dagegen auf Schritt und Tritt baubezogene Kunst (manchmal auch nur noch schemenhaft erhalten). Diese Kunst erhielt im „Generalplan Bildende Kunst“ 1970 das Leitthema „Die kulturelle Entfaltung des Menschen im Sozialismus“. Der damals leitende Architekt beim VEB Wohnungsbaukombinat Rostock, Peter Baumbach, suchte dafür aufgrund ökonomischer Zwänge Möglichkeiten, „Teile der baukünstlerischen Konzeption in den industriellen Fertigungsprozess einzubeziehen“. Für die noch heute erhaltenen sechs Giebelwände in Hochrelief von Reinhard Dietrich wurden die Klinkersteine erstmals bereits im Plattenwerk in den Betonplatten verlegt und auf der Baustelle wie ein Puzzle zusammengesetzt.1
Außerdem finden sich hier angenehm vom Einerlei abweichende Bauformen, wie z. B. „Terrassenhäuser“.


Neubrandenburg
Weiter geht es nach Neubrandenburg. Sowohl in der zum Exkursionstag windumtosten Siedlung auf dem Datzeberg, die einer Festung gleich auf dem Berg thront (Städtebau: Iris Dulling-Grund), als auch weiter unten in der Stadt, z. B. an der Neustrelitzer Straße, lässt sich auch hier so einiges entdecken: Von schick sanierten Hochhäusern über trostlos erscheinende Bereiche bis zu abstrakten Wandbildern. Die Kunst entwarf Wolfram Schubert und vier von den Wandbildern konnten jüngst unter Denkmalschutz gestellt werden.



Mini-Exkurs: Formsteinwände
Apropos Kunst am Bau. Da darf hier ein kleiner Hinweis auf die faszinierende Vielfalt der Formsteinwände zwischen Plattenbauten nicht fehlen. Besonders in Erfurt haben wir diese Spur etwas intensiver verfolgt. Denn hier finden sich diverse Variationen, die auf das Wirken von Hubert Schiefelbein an der Bauhaus Universität in Weimar zurückgehen. Er experimentierte jahrelang mit sogenannten durchbruchplastischen Werken, manches ist aber auch als geschlossene Wand gestaltet. Beide Varianten verbindet die Serialität mit dem Plattenbau.


Innenstadtplatten
Aber nochmal zurück nach Rostock, denn hier interessierte uns auch noch die Altstadt bzw. das, was nach umfangreicher Kriegszerstörung davon übriggeblieben war und wie es dann mit Plattenbau ergänzt wurde. Solche „Rekonstruktionen“ erfolgten vor allem in den 1980er Jahren, nachdem die Kritik an den monotonen Vorortsiedlungen und dem dramatischen Verfall der Altstädte immer stärker geworden war und sowieso mangels Bauland am Stadtrand häufig Bauplätze in der Innenstadt gesucht wurden. Aber wie die Großtafeln an die kleinteiligere Struktur der alten Bebauung und Infrastruktur anpassen? In Rostock und später in Greifswald, Bernau, Cottbus, Berlin und Halle/Saale finden wir jeweils individuelle Lösungen. Die Vielfalt ist erstaunlich, wenn auch aus heutiger Sicht nicht immer überzeugend. Und es bleibt der Wermutstropfen, dass hier oft Altbauten, durch jahrzehntelange Vernachlässigung ruiniert, weichen mussten.




Neue Städte
Ganz anders Halle-Neustadt und Hoyerswerda-Neustadt. Hier entstanden komplett neue Städte durch Platte. Beide Neubaugebiete wurden erst später in die ältere Stadt eingemeindet, beide entstanden zur Unterbringung der benötigten Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für große Industriewerke. Dementsprechend haben auch beide nach Wegfall vieler Arbeitsplätze seit Jahrzehnten erhebliche Herausforderungen zu bewältigen. Und leider kämpfen wir an beiden Orten mit Wind, Kälte und bald auch Nässe, was den teils recht tristen Zustand nach Rückbauten und Leerstand trotz auch erkennbarer architektonischer Qualitäten noch verstärkt.



Angenehmer ist es im Stadtmuseum Halle, wo wir die tolle neue Dauerausstellung sowie eine Sonderausstellung zu Halle-Neustadt in Augenschein nehmen können.

Platten-Recycling


Eine letzte hier vorgestellte Ortserkundung soll noch den Blick auf einen anderen Aspekt lenken: die Frage nach dem möglichen Recycling von Großtafeln bzw. Teilen davon und zeitgemäßen Umbauten. Der Begriff Nachhaltigkeit ist zwar schon in die Jahre gekommen, aber nach wie vor aktuell. Wir schauen uns dafür zwei kleine Beispiele in Berlin und Müncheberg an. In beiden Fällen wurden ganze Platten wiederverwendet, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und Nutzungen. In Berlin war es ein Bauexperiment unter Verwendung von Fenstern aus dem Palast der Republik. Daraus resultierte auch der Name: PlattenPalast.

Fotos: wha und Christian Rose


Beim Umbau ging es vor allem um baukonstruktive und -physikalische Aspekte (Dämmungen, Verbindungen etc.). Der Prototyp entstand 2004 bis 2009 im Rahmen eines Forschungsprojektes der TU Berlin unter der Leitung von Claus Asam vom IEMB in Zusammenarbeit mit dem Berliner Architekturbüro wiewiorra hopp architekten. Obwohl gerade die schräge Dachform die „Häuslebauer“ zur Nachahmung inspirieren sollte, war das Ganze doch nicht so einfach übertragbar – und schlicht zu teuer. Heute wird der PlattenPalast als Tinyhouse genutzt – wenn auch immer nur temporär.
Im kontrastreich ländlichen Müncheberg dagegen sollte die Optik des erst spät gebauten WBS 70-Einfamilienhauses möglichst umfänglich erhalten bleiben. Aber im Inneren … da empfängt den Besuchenden dann nach größeren Betonsägearbeiten ein völlig neues Raumgefühl und lockt nun dank stylischer Vermarktung als „Palais Brut“ viele Berliner zur Wochenendauszeit heraus. Doch leicht war der Weg nicht, wie uns der Architekt, Hans Sasse, berichtet. Die Finanzierung war vor allem das Problem, denn die Banken scheuten sich, ihr Geld für Plattenbauten zu geben.


Auch Frau Prof. Mettke, die sich seit Jahrzehnten in Cottbus mit dem Thema beschäftigt, weist auf bürokratische und rein praktische Hürden hin: Die versicherungsrelevanten Materialprüfungen, die je nach Bundesland unterschiedlich geregelt werden, und die fehlenden bzw. zu teuren Lagermöglichkeiten nach Abbruch eines „Spendergebäudes“ machen immer wieder Probleme. Denn „auf Halde“ will man die Großtafeln schon aus finanziellen Gründen nicht liegen lassen. Wann sie aber wieder eingesetzt werden können, steht beim Abbau häufig noch in den Sternen. Dass es sehr viele Einsatzmöglichkeiten gäbe, hat sie indes schon oft bewiesen: vom Klettergebirge bis zum Vereinshaus reicht das Portfolio.
So viele Plattenbauten und Umbaumöglichkeiten es gibt, so viele verschiedene Bewohnerinnen und Bewohner gibt es natürlich auch. Wie es sich in der Platte wohnt(e), dazu aber mehr im nächsten Blogbeitrag – oder demnächst in der Ausstellung!

- Sarah Linke: Kunst im öffentlichen Raum von Rostock zwischen 1953 und 1989 – ein Überblick, in: Drinnen und Draußen 2024 S. 56 – 77 hier S. 63. ↩︎

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