Wenn man heute durch die abendlichen Gassen rund um den Dresdner Neumarkt geht, im Mondlicht die Elbe vorbeiziehen sieht und die barocken Fassaden und dunklen Innenhöfe in nächtlicher Stimmung erlebt, spürt man noch immer etwas von jener geheimnisvollen Atmosphäre, die schon zu Anfang des 19. Jahrhunderts Künstler, Musiker und Schriftsteller fasziniert haben muss. Dresden war damals nicht nur eine Stadt der Kunst und Kultur; es war auch ein geheimnisvoller, inspirierender Ort und zugleich ein Kriegsschauplatz. Letzteres prägte vor allem E. T. A. Hoffmann und beeinflusste sein literarisches Schaffen stark.


Während viele Künstler in dieser Zeit von Natur, Liebe und Sehnsucht träumten, interessierten sich gerade in Dresden mehrere Schriftsteller, Maler und Musiker für das Unheimliche und Unsichtbare: für Geister und Doppelgänger, Träume und Nachtwelten und die Abgründe der menschlichen Seele. So wohnte im Kügelgenhaus um 1808 der Schriftsteller Gotthilf Heinrich von Schubert, der sein Hauptwerk „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften“ dem befreundeten Maler Gerhard von Kügelgen widmete. Ausgerechnet die Schriften Schuberts beeinflussten wiederum Hoffmann, der zu dieser Zeit in Bamberg lebte. Auch die Werke von Ludwig Tieck, Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Carl Maria von Weber wurden von den dunklen Seiten der Natur und der menschlichen Existenz beeinflusst.
Kunst als Auseinandersetzung und Flucht
Die Schwarze Romantik als Strömung der Romantik widmet sich diesen dunklen Aspekten. Ganz deutlich spiegeln sich diese Themen im Werk E. T. A. Hoffmanns wider: In Dresden entstanden 1813, während Kämpfe der Napoleonischen Kriege in der Stadt ausgetragen wurden, seine Erzählungen „Der Magnetiseur“, „Der goldne Topf“ und seine Oper „Undine“.
Hoffmann, der im April 1813 als Kapellmeister der Secondaschen Gesellschaft engagiert worden war, widmete sich neben seinen Aufgaben als Musikdirektor seinem künstlerischen Schaffen – er verfiel in einen regelrechten Schaffensrausch, um die vielen Eindrücke, die Krieg und Elend bei ihm hinterließen, zu verarbeiten. Die Kunst diente als Auseinandersetzung, zugleich aber auch als Flucht vor einer immer grausamer und unverständlicher werdenden Welt. Im Märchen „Der goldne Topf“ verwandelt sich die Stadt deshalb in eine fantastische Traumlandschaft: Zwischen Bürgerhäusern und den Elbufern öffnen sich plötzlich magische Welten, die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmt – ein typisches Motiv der Schwarzen Romantik. Hoffmanns Oper „Undine“ gilt als erste romantische Oper überhaupt. Bei ihrer Uraufführung 1816 in Berlin beeindruckte sie Carl Maria von Weber sehr. Webers Oper „Der Freischütz“ wiederum intensiviert die dunklen Momente in der Musik durch eine ungewöhnliche Harmonik, charakteristische Leitmotivik und eine fantastische Instrumentation und ließ sie in der phänomenalen Wolfsschluchtszene kulminieren. Hoffmann saß wiederum bei der Uraufführung des „Freischütz“ 1821 in Berlin im Publikum.


Hoffmann und Weber hatten sich aber schon im März 1811 in Bamberg kennengelernt, wo sie fasziniert voneinander waren. Weber schlug Hoffmann sogar als Mitglied des „Harmonischen Vereins“ vor, einem Geheimbund aus Schriftstellern und Musikern, die sich gegenseitig anonym positive Rezensionen schrieben, um den eigenen Ruhm zu mehren und die Leserschaft in künstlerischen Fragen zu erziehen. Doch die anderen Mitglieder lehnten Hoffmann ab. Weber und Hoffmann blieben aber in Briefkontakt, 1816 trafen sie sich in Berlin wieder und genossen den Austausch.
Beide verstanden sich nicht nur als Musiker oder Schriftsteller, sondern als Universalkünstler. Sie suchten nach neuen Ausdrucksformen, in denen Musik, Literatur und Fantasie miteinander verschmelzen, und tauschten sich über die Idee eines Gesamtkunstwerkes aus. Ihre Werke beeinflussten später Richard Wagner und die Entwicklung der modernen Oper bis hin zur Filmmusik. Die Schwarze Romantik wirkt so bis heute nach. Viele moderne Horrorfilme, Fantasy-Geschichten und psychologische Thriller greifen Motive auf, die schon Hoffmann und Weber vor über 200 Jahren verarbeiteten: die Angst vor dem Unbekannten, die Macht der Träume und die Schattenseiten des Daseins.





