In der Ausstellung Platte Ost / West zeigen wir das Formular einer Wohnzuweisung und einen Teddybären. Beides stammt aus dem Haushalt von Kerstin Stange. Hier erzählt sie vom Leben im Plattenbau am Terrassenufer, zu dem diese beiden Objekte gehören.
Gastbeitrag von Kerstin Stange
Seit meiner Geburt 1965 bis 1986 wohnte ich mit meiner Mutter in einer Einraumwohnung in einem Hochhaus am Terrassenufer.


Postkarte, ca. 1973. Die Nr. 12 war zu dieser Zeit ein Studierendenwohnheim.
Es gab dort ursprünglich zwei Hochhäuser nebeneinander. Sie wurden nach den Hochhäusern am Hauptbahnhof als zweite Hochhausgruppe in Dresden 1964 gebaut. Wir lebten im Haus Terrassenufer 14, das heute nicht mehr existiert. Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt. 1964 lernte sie – im hochschwangeren Zustand – im Dienst eine Patientin kennen, die eine Wohnung in diesem Hochhaus bekommen sollte. Da sie aber heiratete und nach Leipzig wegzog, konnte meine Mutter an ihre Stelle treten. Am 11. Dezember 1964 zog sie in den 11. Stock vom Terrassenufer 14 ein.
Die neue Wohnung bestand aus einem Zimmer von 18 m² mit Kochnische (mit 2 Flammen Elektrokocher und Einbauschränken), einem Vorraum mit Einbauschrank und einem kleinen Bad von 2,9 m² mit Dusche. Im Keller gab es einen Abstellraum und es gab ein Waschhaus mit großen braunen Waschbecken mit eingebauter Rumpel1. Später kamen dann Waschmaschinen zur gemeinsamen Nutzung und mit Terminvergabe über den Hausmeister ins Hochhaus. Im Abfallkeller wurde in Kisten separiert nach Flaschen, Glas und Porzellan, Lumpen, Papier etc. Der allgemeine Müll wurde über den „Müllschlucker“ etagenweise entsorgt. Hinter dem Haus gab es eine Teppichstange zum Reinigen und Klopfen der Teppiche sowie einen Wäscheplatz mit Wäschestangen.


Hinter dem Hochhaus Terrassenufer 12 war mein Spielplatz mit Klettergerüst und Sandkasten. Dieser wurde später dann zum Spielplatz des Kindergartens im Erdgeschoß des Terrassenufer 12 (heute Hotel). In unserem Hochhaus waren – da es nur Einraumwohnungen gab – wenige Kinder, so daß wir auch mit den Nachbarskindern und den Hotelgästen spielten. Das Hochhaus wurde zu DDR-Zeiten von einer Hausgemeinschaftsleitung (HGL) geleitet und je Etage gab es einen Etagenvertrauensmann oder -frau. Meine Mutter hat diese Aufgabe auch zeitweise übernommen und war dann zuständig für die Entgegennahme der jeweiligen Probleme auf der Etage und dafür, die Soligelder2 für die Gemeinschaftskasse einzusammeln.
Auch privat als Krankenschwester war sie oft nach Dienstschluss gefragt, da wir viele ältere Bürger, insbesondere in den oberen Etagen, zu verzeichnen hatten. Die Kinder wurden zur Nachbarschaftshilfe herangezogen, zum Flaschen sammeln oder Müll wegschaffen, kleinere Besorgungen etc. Wir wiederum wurden von den älteren Damen miterzogen, insbesondere, wenn es um die Ordnung, Reinhaltung des Flurs und des Treppenhauses ging sowie darum, um Lärmbelästigung zu vermeiden, wenn wir mangels Kinderzimmer in den Fluren spielten.


Pro Etage waren 18 Wohnungen und 1 Müllschlucker. Wenn der Fahrstuhl ausfiel, mussten wir nach der Schule, dem Einkauf, der Arbeit bis zur 12. Etage 167 Stufen steigen. Das Maschinenhaus für den Fahrstuhl befand sich auf dem Dachgarten bzw. Zwischengeschoß. Dieser war in meiner Kindheit den Bewohnern des Hauses zugänglich. Dort konnten wir uns sonnen, Wäsche trocknen, Kindergeburtstage feiern und mit Nachbarn Kaffeetrinken. Auch wegen dem weiten Blick in alle Richtungen – „Canaletto von der anderen Seite“ – und dem Blick in die Sächsische Schweiz über Dresden kamen manche Schulkinder und Besucher zu uns. Diesen Blick vermisst mancher der 2003 und später Ausziehenden schmerzlich.





Die Miete für die Einraumwohnung war bei einem Bruttoeinkommen von ca. 535 DDR-Mark im 3-Schichtsystem um 1965 mit 45,90 Mark der DDR aufgrund des eingebauten Fahrstuhls teuer gegenüber den Genossenschaftswohnungen auf der Ziegelstraße und der Rietschelstraße. Bei uns wohnten überwiegend RentnerInnen bzw. ältere alleinstehende BürgerInnen und Trümmerfrauen. Die Miete von der 9. bis 11. Etage wurde von Frau H. in der 9. Etage eingesammelt. Am 1. Januar 1984 wurde die Zahlung der Miete in bar von der KWV3 eingestellt. Die Pflicht zur Eröffnung eines Girokontos und Umstellung auf Abbuchungsverfahren war damit gegeben. Auch die Lohnauszahlung in bar im Krankenhaus wurde ungefähr zu diesem Zeitpunkt eingestellt.
Mit meiner ledigen Mutter wohnte ich bis Dezember 1986 zusammen in dieser Einraumwohnung, da ich erst mit 18 Jahren (1983) einen Antrag auf eigenen Wohnraum stellen durfte.4 Meine Mutter selbst wohnte bis zum Auszug im September 2003 in dieser Wohnung. Der Auszug erfolgte, da das Hochhaus durch das Elbhochwasser 2002 Schäden davongetragen hatte und daher abgerissen werden sollte. Ich bin damals noch einmal durch das ganze Haus gegangen und habe Fotos gemacht.





Nachtrag
Die Hochhäuser am Terrassenufer waren schon in den 1990er Jahren als „Plattenkolosse“ und „Wohnsilos“ stark umstritten (s. Zeitungsartikel). Die Entmietung der 216 Wohneinheiten im Hochhaus Terrassenufer 14 durch die Woba Dresden begann im Sommer 2002 und war im August 2004 abgeschlossen. Der eigentliche Abriss erfolgte 2005. Das Gebäude war ein baugleicher Zwölfgeschosser (Typ MGH 12) zum benachbarten Hotel am Terrassenufer 12, das heute noch steht. Die Stadt trieb den Abriss aus städtebaulichen Gründen voran, um die historische Stadtsilhouette („Canaletto-Blick“) wieder freizulegen. Sie finanzierte ca. 465.000 Euro für Umzugskosten und Entschädigungen. Für den Rückbau erhielt die Stadt von der Sächsischen Aufbaubank 402.430 Euro (70 Euro/m² Förderung x 5.749 m² Wohnfläche) Fördermittel aus dem Bund-Länder-Programm „Stadtumbau“.5
- Eine Rumpel, oder auch Riebe, ist ein Waschbrett für die Handwäsche von Kleidung. ↩︎
- In der DDR waren „Soligelder“ (kurz für Solidaritätsgelder) Spenden, die im Rahmen der staatlich organisierten „antiimperialistischen Solidarität“ gesammelt wurden. Sie dienten offiziell der Unterstützung befreundeter sozialistischer Staaten, Befreiungsbewegungen usw. ↩︎
- KWV= Kommunale Wohnungsverwaltung. In der DDR waren dies staatliche Betriebe, die für die Bewirtschaftung, Instandhaltung und Vergabe von staatlichem Wohnraum zuständig waren. ↩︎
- In der DDR wurden Wohnungen ausschließlich von staatlichen Stellen (Amt für Wohnungswesen) zugewiesen. Einen freien Wohnungsmarkt gab es nicht. Es gab lange Wartezeiten, oft 4 bis 6 Jahre, auf eine eigene Wohnung. ↩︎
- Pressemitteilung der Landeshauptstadt Dresden: [Archiv] Hochhaus am Terrassenufer verschwindet bis Juli ↩︎







