Gastbeitrag von Eva Hertzsch und Adam Page

In der Großwohnsiedlung Dresden-Prohlis fand zwischen 2002 und 2012 ein intensives Kunstprojekt im öffentlichen Raum und in einem leerstehenden Gebäude statt, organisiert von einem Bündnis aus Anwohner:innen, Künstler:innen und Urbanist:innen.

Im Jahr 2002 installierten die Künstler:innen Eva Hertzsch und Adam Page ihren ›Info Offspring‹-Kiosk vor dem Einkaufscenter ›Prohliszentrum‹. Der Kiosk wurde 2000 konzipiert als direkte Konfrontation zur Verbannungsstrategie von Imbissständen in Dresdens Innenstadt durch das Stadtplanungsamt. Finanziert von der städtischen ›Kommission für Kunst im öffentlichen Raum‹, stand er 2000 bis 2001 bereits auf dem Altmarkt, am Postplatz und auf der Königsbrücker Straße. Nun wollte der Kiosk die Außenstadt aufsuchen, wo Imbissstände noch geduldet wurden. Unter dem Titel ›Info-Offspring-Boogie-Woogie‹ lud die Kuratorin des Kiosk 2002, Christiane Mennicke-Schwarz, fünfzehn Künstler:innen nach Prohlis ein, um ihre Ansätze zu Themen wie Öffentlichkeit, Stadtplanung und Zukunft der Stadt vorzustellen. Für ihre Arbeit ›Kometen, Kartoffeln und die Schönheit der Plattenbauten‹ schuf Margit Czenki eine Prohlis-Mode-Kollektion, u. a. mit dem ›Plattenbauhemd‹, das in der Ausstellung ›Platte Ost/West‹ zu sehen ist.

›Info Offspring Kiosk‹ vor dem Einkaufscenter ›Prohliszentrum‹, Foto: © Page & Hertzsch
›Plattenbauhemd‹ von Margit Czenki, 2002,
Foto: © Margit Czenki

Nachdem der Kiosk 2003 nochmals auf dem Postplatz und 2004 auf der Prager Straße stand, kam er 2006 wieder nach Prohlis. Finanziert von der Kulturstiftung des Bundes stand er am Albert-Wolf-Platz, danach an der Gamigstraße. Mit dem Projekt ›FOR SALE. Kooperationen von Künstler:innen und Anwohner:innen vor dem Hintergrund des WOBA-Verkaufs‹ thematisierte der Kiosk den umstrittenen Verkauf des gesamten kommunalen Wohnungsbestands der Stadt an einen privaten Investor. Dresden wurde durch diesen Schritt als erste deutsche Großstadt, zumindest für kurze Zeit, schuldenfrei (Mitschnitt der Abstimmung auf www.vimeo.com).

Abstimmung zum Verkauf der ›WOBA‹ an ›Fortress‹ in der Stadtratssitzung am 06.03.2006, Aufnahme von Eva Hertzsch & Adam Page (4 min.), Videostill: © Page & Hertzsch
›Info Offspring Kiosk‹ am Albert-Wolf-Platz, 2006, Foto: © Page & Hertzsch

In Prohlis gingen 7000 Wohnungen an den Hedgefonds-Betreiber ›Fortress‹. Mit dem WOBA-Verkauf hat die Stadt das einzige direkte Instrument zur Regulierung des Wohnungsmarktes aus der Hand gegeben. Beim Projekt ›FOR SALE‹ setzten sich zwanzig eingeladene internationale Künstler:innen mit den Sorgen der Prohliser Bewohnerinnen und Bewohner über die Privatisierung ihrer Wohnorte auseinander und schufen am Kiosk einen niedrigschwelligen Diskursraum über Themen wie Abriss, Mietpreissteigerung, Gentrifizierung und den Verlust von Gemeinwesen.

›Kartoffel-Show‹ von Christoph Schäfer und Margit Czenki, Dresden-Prohlis 2006, Foto: © Margit Czenki

Im November 2006 griff eine Gruppe der Bewohner:innen die Dynamik des Kunstprojektes auf und gründete mit Eva Hertzsch, Adam Page und dem Architekten Felix Liebig den Verein IDEE 012391. Die Prohliser:innen sahen die Fortführung des Diskurses für das Plattenbauviertel als dringend nötig an, um den festgefahrenen, „inselhaften“ Frust vor Ort zu brechen, neue Impulse von außen einzubringen bzw. gleichzeitig neue Zuhörer:innen zu gewinnen und damit neue Allianzen in der Stadt und weit darüber hinaus zu etablieren.

IDEE 01239 führte von 2007 bis 2012 ein Programm aus Artist-in-Residencies, Ausstellungen, Kunst im-öffentlichen-Raum-Projekten, Vorträgen und Workshops in dem ehemaligen Getränkeladen ›Drinky‹ (Gamigstr. 26 in Dresden) und im Stadtraum in Prohlis in Zusammenarbeit mit über 30 Künstler:innen, Architekt:innen und Kulturproduzent:innen durch. Schwerpunktthemen waren Arbeitslosigkeit, Demokratiestärkung, Kunst am Bau, ostdeutsche Transformationsprozesse, Sozialwohnungsbau, Stadtteilgestaltung und Zwischennutzung u. a.. Filmvorführungen, Konzerte und Lesungen, inspiriert von u.a. DEFA-Filmen und dem Liedermacher Gerhard Gundermann, ergänzten das Programm. Die Prohliser:innen hielten Vorträge und nahmen teil an Tagungen in Berlin, Hamburg, Hildesheim und Liverpool. Das gesamte Programm ist hier dokumentiert: www.idee-01239.de.

Erster Flyer des IDEE 01239, 2007
Aus der Fotoreihe ›Prohliser Gesichter‹ von Alfredo, Ausstellung bei IDEE 01239, 2007, Foto: © Alfredo
Adina Huber und Belá Kästner-Kubsch im IDEE-Medienlabor, 2012,
Foto: unbekannt
›Ilona‹ von Ulf Aminde, Workshop ›Suchen Sehen Sehnsucht‹ bei IDEE 01239, 2007. Foto: © Ulf Aminde

Der Info Offspring Kiosk ist inzwischen 26 Jahre alt und hat seit 2000 an neun Standorten in ganz Dresden gestanden. Zurzeit steht er beim UFER-Projekte Dresden e. V. an der ›Alten Gärtnerei‹, gegenüber der Heidestraße 21 in Dresden-Pieschen. Als die Finanzierung des Programms ›Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier‹ des ›Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF) 2012 endete, konnte der Verein ›IDEE 01239‹ nicht mehr genug Mittel akquirieren, um das Kulturprogramm weiter durchzuführen. Gleichzeitig signalisierte die Stadt Dresden den Eigentümern des Vereinsstandorts ›Veolia‹, dass sie Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht machen und das Haus Gamigstr. 26 kaufen wollte. 2016 kündigte ›Veolia‹ den Mietvertrag mit IDEE 01239. Im selben Jahr legte der Verein seine Arbeit nieder. Die Stadt Dresden kaufte das Haus und führte mehrere Beteiligungsformate für die Umgestaltung und eine Komplettsanierung durch. Im November 2024 eröffnete sie das Nachbarschaftszentrum ›Bürgerhaus Prohlis‹, das von der Jugendkunstschule Dresden betrieben wird.


Die Gründungsmitglieder von IDEE 01239 e. V. waren Adam Page,Tony Böttcher, Katharina Daschkow, Adina Huber, Belá Kästner-Kubsch, Felix Liebig, Katrin Schönlebe, Tommy S. und Andreas Tannert. IDEE 01239 gewann 2009 den Sächsischen Kunstpreis für Toleranz und Demokratie.

Ab 2006 stand der ›Info Offspring Kiosk‹ in Dresden-Mitte, Löbtau und Johannstadt. Seit 2026 steht er bei der ›Alten Gärtnerei‹, gegenüber der Heidestraße 21 in Dresden-Pieschen.

Folgende Personen und viele andere haben künstlerische, kuratorische und/oder organisatorische Beiträge zum ›Info Offspring Kiosk‹ beigesteuert:

A-clip, Adam Page, Alisa Anh Kotmair, Andrea Knobloch, Andrea Schubert, Andreas Maria Fohr, Ania Corcelius, Anja Hilgert, Anne König, Annette Weisser, Ariane Schwarz, , Bartolomeo Pietrmarchi, Bergwerk, Centro Sociale L38 Squat, Christiane Mennicke-Schwarz, Christoph Fischer, Christoph Schäfer, city.crime.control, Cora Hegewald, Cornelia Mothes, Daniel Henrikson, Darshana Vora, Denise Ackermann, Die Krumme Pranke, D.L. Avarez, Domonic Eichler, Erik Schmidt, Eva Hertzsch, Felix Liebig, Gunter Reski, Kathrin Wildner, Klaus Weber, Lisa Torell, Harald Kunde, Harun Farocki, Ingo Vetter, Initiative rundkino_revisited, Inventory, Jan Minack, Jan Wenzel, Jens Zander, Jérome Chaziex, Jelke Plate, Jeroen Jongelen, John Hicklenton, Jörg Stüdemann, Julia Meier, Julien Göthe, Kerstin Equi, Kristina Hermann, Madsen & Möller, Malte Willms, Manfred Wiemer, Marc Brandenburg, Marc Siegel, Marcel Bühler, Margit Czenki, Marjetica Potrc, Markus Degermann, Michaele Caspar, Mission direkt, Monika Krömtz, Niko.31, Nils Norman, Oliver Körner von Schmidt, Osservatorio Nomade, Rainer Kamlah, Ramona Eichler, raumlabor berlin, Rupprecht Matthies, Sebastian Behmann, Silke Klimmer, Silke Riechert, Susanne Altmann, Tetrapak, Therkildsen, Nellemann & Nielsen, Till Nikolaus von Heiseler, Tjark Ihmels, Torsten Birne, urban panic, Wochenklausur, Yaëlle, Zeigam Azizov.

Folgende Personen und viele andere mehr haben künstlerische, kuratorische und/oder organisatorische Beiträge bei IDEE 01239 beigesteuert:

Adam Page, Adina Huber, Alfredo, Andrea Knobloch, Béla Kästner-Kubsch , Christoph Wappler, Gunar „Conni„ Köhler, Conny Gerhardt, Cornelia Mothes, Daniel Wicke, DJ Key Ell, Erik Niemz, Eva Hertzsch, Felix Liebig, Grit Ruhland, Jan Minack, Jens Besser, Jens Strobele, Kaavous Clayton, Kollektiv a-titolo, Konrad Behr, Ingrid Körner, Lutz Stein, Manuel Siegert, Manuela Stein, Matthew Houlding, Nadine Reschke, Nuovi Committenti, Robert Thiele, Ronny Voß, Rural Studio, Sebastian Bellmann, Silke Riechert, Suse Weiß, Svea Duwe, Sven Borchers, Tenantspin, Theresa Lempp, Thilo Fröbel, Tommy S., Torsten Birne, Ulf Aminde, Ulrike Gärtner, WiHu.

Dieser Blogbeitrag ist Béla Kästner-Kubsch gewidmet.

  1. 01239 ist die Postleitzahl des Stadtteils Dresden-Prohlis. ↩︎

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