Am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen haben Finn Eicke, Ferdinand Feldkamp, Fynn Rüdiger und Jan Günther im Rahmen eines Masterprojektes an westdeutschen Plattenbauten geforscht. Hier berichten drei der daran Teilnehmenden vom Vorgehen und dem aktuellen Stand.
Auf Schulhöfen, an Supermarktkassen, in Teeküchen oder in den Medien: Der Begriff Plattenbau ist allgegenwärtig. Zumeist ist er aber negativ besetzt und selten eine konkrete Bauweise gemeint, sondern er ist ein Synonym für prekäre Wohnverhältnisse. Auch uns war der Begriff geläufig, ohne genau zu wissen, was er bedeutet. Dabei wird der Begriff Plattenbau tendenziell eher mit Neubaugebieten der DDR verbunden. Tatsächlich gibt es sie im “Westen” ebenso und sogar in deutlich größerer Typenvielfalt. Viele dieser Siedlungen haben ein festes „Schandfleck“-Image. Köln-Chorweiler ist eines der bekanntesten Beispiele für vermeintliche Platten.
Gestartet mit einem eher sozial geprägten Begriff des Plattenbaus stellten sich für uns zentrale Fragen: Was genau ist ein Plattenbau und wo befinden sich die echten Platten? Welche architektonischen Transformationen sind notwendig, um diesen Gebäuden eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen?
Was ist eigentlich Plattenbau?
Architektonisch ist die Sache schnell geklärt: Plattenbau meint eigentlich die Großtafelbauweise, also das Bauen mit vorgefertigten, raumgroßen Betonfertigteilen.



Wie diese Gebäude in den Neubaugebieten der DDR aussehen, ist bekannt. Doch wie sieht das im Westen aus? Schlägt man im Online-Lexikon nach, wie es mit dem Plattenbau im Westen des Landes aussieht, werden ein paar Gebiete aufgeführt, der Begriff Großwohnsiedlung hinterhergeschoben und Beispiele wie Köln-Chorweiler genannt. Hier wird’s spannend. Bei der Recherche stellte sich dann heraus, dass es in Chorweiler keine echte Platte gibt, sondern nur Fassaden aus Großtafeln gefertigt wurden. Die erste und mitunter auch wichtigste Erkenntnis: Nicht alles, was nach Platte aussieht, ist auch Platte.
Die Begriffe Großwohnsiedlung und Plattenbau verschwimmen miteinander. Auch darüber hinaus lässt sich zum Thema Großtafelbau in der BRD nicht besonders viel finden. Vereinzelt gibt es zwar Publikationen zur industriellen Vorfertigung im Bauwesen der BRD aus den 1960er bis 1970er Jahren, wie zum Beispiel Bücher von Tihamér Koncz1 oder Kurt Berndt2, jedoch wurden die vielen Teile dieses Flickenteppichs von Systemen und geschichtlichen Vorkommnissen noch nicht mit dem konkreten Bestand verknüpft.

Um diese Lücke zu schließen, führten wir die vorhandenen Informationen in drei Werkzeugen zusammen: dem Plattenatlas, dem Systemkatalog und einem Zeitstrahl. Nachdem sich Chorweiler als falsche Platte herausgestellt hatte und die Waschbetonfassaden vieler Gebäude heutzutage hinter WDVS3 versteckt sind, standen vor allem die Fragen “Wo befinden sich die echten Plattenbauten?” und “Wie lässt sich überhaupt erkennen, was Platte ist?” im Vordergrund.


Die Suche nach den echten Platten
Wir starteten die Suche nach den echten Platten mit einer Tabelle, in der wir Hinweise zu Gebäuden aus Literatur, Fachzeitschriften oder Werbeanzeigen sammelten. Letztere verrieten den Standort von Betonwerken. Firmen referenzierten Plattenbauten, an denen sie mitwirkten. Monatliche Firmen-Magazine, wie die der Neuen Heimat, lieferten Informationen über ganze Siedlungen, die mit “industriell vorgefertigten” Gebäuden versehen wurden. Jeder der identifizierten Großtafelbauten erhielt eine eindeutige Kennziffer, hinter der sämtliche Informationen wie Bauzeit, System oder Bauträger nach und nach zugeordnet wurden. Um den Überblick zu behalten, druckten wir sie immer wieder aus. Doch mit der Zeit wurde das anfängliche Suchen zu einer großen Inventur der westdeutschen Großtafelbauten mit inzwischen über 4.000 Einträgen. Aber wer wollte nicht schon immer mal eine Exceltabelle auf 4 DIN A0 Blättern ausplotten?
Aufbereitet und gepaart mit den jeweiligen Koordinaten führten wir die Daten in einem interaktiven Plattenatlas zusammen. Dieser ermöglichte es uns, weitere Schlüsse zu ziehen, indem wir die Datensätze über spezifische Filter gezielt visualisieren und mit dem Ort in Bezug setzen konnten.
Parallel dazu erfolgte der Aufbau eines Systemkatalogs, in dem sämtliche in der BRD verbauten Systeme mit Konstruktionsdetails, Grundrissen und Fotografien erfasst wurden. Die Verknüpfung von Grundrisstypen und Systemen, die bislang nicht vollständig erfolgt war, half uns weiter bei der Suche. Auch durch markante systemspezifische Gestaltungsmerkmale, wie beispielsweise die vorspringende Giebelwand des Systems Camus-Thiele in Hamburg oder bestimmte Abfolgen in der Anordnung der Fenster und Balkone, ließen sich Verdachtsfälle zunehmend eindeutig zuordnen.

Der eingeschränkte Wirkungskreis der Betonfertigteilwerke, der sich aus wirtschaftlichen Gründen ergibt, schränkte die Suchradien weiter ein. Damit diese wirtschaftlich arbeiten konnte, durfte der Transportweg maximal 100 km bis zur Baustelle betragen. Bei guter Anbindung waren auch größere Distanzen möglich. Gepaart mit einer Mindestauflage einer Serie – Plattenbauten sind nämlich Herdentiere – lässt sich schließen, dass ein gefundenes Gebäude in der Regel auf weitere in der Umgebung verweist. Genauso ist der Fund eines Betonfertigteilwerks ein großes Versprechen, da mit der Errichtung jahrelange Planungssicherheit einhergehen musste.
Sortiert man die Einträge nach Entstehungszeit, lässt sich die Entwicklung der Westplatte sehr gut nachvollziehen, denn sie war zunächst ein Importprodukt. Während in Ländern wie Frankreich und Dänemark schon in den 1950er Jahren ganze Siedlungen vorgefertigt wurden, blieb das kleinteilige, regional organisierte Bauwesen der Bundesrepublik zunächst weitgehend nicht industrialisiert.4 Anstatt die Plattenentwicklung voranzutreiben, versuchte man zunächst bestehende Prozesse und Bauteile zu optimieren.5 Weitere Hemmnisse waren die Unerprobtheit der Systeme und damit Probleme bei der Finanzierung sowie unterschiedliche Landesbauordnungen. Und die Bauwirtschaft war durch den bisher nur in den Sommermonaten auftretenden Arbeitskräftemangel, der sich in dieser Zeit ganzjährig manifestierte, vor neue Probleme gestellt. Erst in den 1960ern wurde erkannt, dass der Fertigbau eine mögliche Lösung für dieses Problem darstellen könnte, da hiermit auch das Bauen im Winter möglich wurde.6
1959 adaptierte der Architekt Werner Kallmorgen das französische System Camus an die deutschen Normen und realisierte mehrere Siedlungen in Hamburg.7 Ähnlich geschah dies mit schwedischen und dänischen Systemen. Die ausländischen Systeme waren schlichtweg günstiger als Eigenentwicklungen und bereits erprobt.


Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Großtafelbauweise vor allem in architektonischer und städtebaulicher Hinsicht weiter. Zur Vermeidung von Monotonie und im Wandel städtebaulicher Leitbilder wurden die Zeilen mittels Ecktypen zu Hofstrukturen verknüpft und mit Punkthochhäusern ergänzt.
Diese Entwicklung lässt sich gut an den Siedlungen Essen-Bergmannsfeld, Ratingen-West, Monheim-Süd und Düsseldorf-Garath nachvollziehen, die wir tiefgreifender betrachtet haben. Aus den Magazinen der Neuen Heimat wussten wir, dass sie alle in Fertigbauweise errichtet wurden. Unklar war, in welchen Systemen. Dass Essen-Bergmannsfeld, Ratingen-West und Monheim-Süd im System Allbeton-Hochtief und im System von Beton- und Monierbau errichtet wurden, fanden wir schnell in den Hochtief-Nachrichten und dem Monierbauer heraus – den jeweiligen Firmenmagazinen.
Für Düsseldorf-Garath entpuppte sich die Suche komplizierter. Ursprünglich gingen wir davon aus, dass es sich ebenfalls um Gebäude der beiden Firmen handeln müsse, da hier die gleichen Gebäudetypen stehen. Bei einem Besuch im Düsseldorfer Stadtarchiv stellte sich jedoch heraus, dass die Gebäude von Grün & Bilfinger errichtet wurden. Andere Teile wurden von Boswau & Knauer errichtet, die uns vorher gänzlich unbekannt waren.


Vor Ort fiel sofort auf, wie grün die Siedlungen heute sind. Nach über fünfzig Jahren sind die Bäume auf den großzügigen Grünflächen herangewachsen und werfen Schatten. Eigentlich gar nicht schlecht, wären da nicht die vielen Parkplätze, die den Freiraum für sich beanspruchen. Das Hochparterre bietet den Erdgeschosswohnungen zwar ein gutes Maß an Privatsphäre, verhindert aber die Verknüpfung von Innen- und Außenraum. Es wirkt eher wie ein Bollwerk. Der allgegenwärtige Waschbeton wirkt mitunter monoton, mit einem WDVS wäre es allerdings kaum besser. Die Anordnung mit Vor- und Rücksprüngen sorgt immerhin für Abwechslung in der Fassade. Ein weiteres Erkennungszeichen: die verkorkste Erschließung. Zwei Eingänge vorne, zwei hinten, zwei an den Seiten. Spürbar wurde hier mit Systembausteinen eine städtebauliche Figur zusammengepuzzelt. Eine klare Adressbildung fehlt, und die Eingänge muss man suchen.





In den anderen drei Siedlungen zeigt sich ein ähnliches Bild. Gebaute Mittelmäßigkeit wäre wohl die treffendste Beschreibung. Plattenbausiedlungen stehen nicht vor einem großen Problem, sondern vor einer Vielzahl verschiedener Herausforderungen.
Wie erhalten die Gebäude eine nachhaltige Zukunft?
Um Strategien zur Transformation zu entwickeln, wählten wir einen tentativen Versuchsansatz: Mithilfe mehrerer Stegreifentwürfe8 über alle Maßstabsebenen sollten zunächst relevante Anknüpfungspunkte und Potentiale für einen Eingriff herausgearbeitet werden.


Um nur einige Beispiele zu nennen: Durch das Entfernen der schweren Fassadenplatten wird das Gebäude leichter und ermöglicht es aufzustocken, also ein weiteres Geschoss auf das Gebäude zu bauen. Bei den meisten Gebäudetypen wäre es zusätzlich möglich, entlang des Gebäudes eine weitere Schicht zu ergänzen. Sozusagen eine bewohnte Dämmung, welche den Wohnraum vergrößern würde. Der aktuell vor allem für parkende Autos genutzte Freiraum könnte zu einem Treffpunkt werden. Eingangspavillons würden den engen Eingangsbereichen vorgelagert, Angsträume entschärft und zusätzliche Qualitäten geschaffen werden.

Findet man so serielle Lösungen für vermeintlich serielle Probleme? Sicherlich nicht. Die vertiefte entwurfliche Untersuchung zeigte, dass sich zwar einzelne aus der Konstruktionsweise entwickelte Strategien – etwa das Abnehmen der Fassadenplatten – durchaus auf andere Kontexte übertragen lassen. Jedoch liegt auch gerade in der Serialität der Ursprung vieler Probleme. Schließlich wurde bereits ab Mitte der 1960er versucht, Monotonie durch das Aneinanderreihen der verschiedenen Grundrisstypen zu vermeiden. Dies führt aber zu neuen Problemen, wie einer verunklarten Erschließung.
Was sich jedoch übertragen lässt, ist der Ansatz und die Methode, mit diesem Bestand umzugehen. Es bleiben zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Weiterführung der Untersuchung in Siedlungen wie Nürnberg-Langwasser, Frankfurt Nordweststadt oder Darmstadt-Kranichstein.
Eine wachsende Plattform?
Das Forschungsprojekt Westplatte ist vor dem Hintergrund der Einbindung in unser Masterstudium – ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – zunächst abgeschlossen. Die Frage bleibt, was entstehen könnte, wenn die Website westplatte.de, die das Projekt dokumentiert, langfristig zu einer offenen Bestandsdatenbank weiterwächst. Eine Plattform, die den vorhandenen Gebäudebestand dokumentiert, technische Informationen bündelt und gleichzeitig beispielhafte Projekte sichtbar macht, die Leerstand aktivieren und graue Energie erhalten?

www.westplatte.de
Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen alle Abbildungen von den Autoren.
- T. Koncz, Handbuch der Fertigteil-Bauweise mit großformatigen Stahl- und Spannbetonelementen, 1967. ↩︎
- K. Berndt, Die Montagebauarten des Wohnungsbaues in Beton, 1969. ↩︎
- WDVS = Wärmedämmverbundsystem. ↩︎
- W. Triebel, Wirtschaftlichkeit der Vorfertigung bestimmter Elemente im Hochbau. In: Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen 1322. Köln (u.a.) 1964. W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Handbuch des Bauens mit Fertigteilen, Essen 1964. ↩︎
- W. Triebel, Beiträge zur Rationalisierung im Wohnungsbau: Arbeiten und Ergebnisse des Instituts für Bauforschung e.V., Hannover im Jahre 1950/51. In Forschungen im Bauwesen: Reihe D 7, Stuttgart 1952. ↩︎
- W. Meyer-Bohe, Vorfertigung: Atlas der Systeme, Essen 1967. ↩︎
- P. Meuser, Industrieller Wohnungsbau: Handbuch und Planungshilfe, Berlin 2019. ↩︎
- Ein Stegreifentwurf ist ein kurzer, meist innerhalb weniger Stunden oder Tage entwickelter Entwurf, der eine Idee schnell und prägnant auf eine konkrete Aufgabenstellung überträgt. ↩︎


